Montag, 29. Mai 2006

Organisatorische Geisterfahrt VII

oder: Die Macht des Kontrollhakens

Nachdem ich mich heute wieder einmal mit einigen Seltsamkeiten beschäftigen durfte, habe ich darüber nachgedacht, ob es möglicherweise doch an meiner mangelnden Kommunikationsfähigkeit liegt, dass ich nicht in der Lage bin, meine Vorgesetzen von der Notwendigkeit systematischen Vorgehens zu überzeugen.

Es gibt Unmengen von Geschäftsabläufen, die im Laufe der Zeit organisatorisch ad absurdum entwickelt haben. Es wurde gerade im Zusammenhang mit der Einführung unseres neuen ERP-Systems gerade zu zwanghaft probiert, dieses an die merkwürdigen Geschäftsabläufe anzupassen. Das Ergebnis ist wahrhaft beeindruckend: Der Aufwand, eine Information zu lokalisieren, hat sich locker verdoppelt bis verdreifacht.

Rational betrachtet könnte man fast den Eindruck gewinnen, bei uns geht es ganz gezielt darum, administrative Methoden wie beispielsweise das Business Process Reengineering (BPR) oder die Geschäftsprozeßoptimierung (GPO) für ungültig zu erklären. Anstatt beispielsweise den zum Teil immensen Kontrollaufwand einmal substanziell zu hinterfragen, wird statt dessen überlegt, wie man diesen automatisieren kann. Aber, bei allem Respekt, was soll den die Aussagekraft eines Kontrollhäkchens sein? Wollen wir eine Maschine erfinden, die automatisch Kontrollhäkchen macht? Das hat schon bei Homer Simpson in der Folge, wo er wegen seines mutwillig herbeigeführten Übergewichts zu Hause arbeiten durfte und den kleinen Nick-Specht zum permanenten Drücken der Y-Taste auf der Computertastatur missbraucht hat, nicht funktioniert ;-)

Es werden Tag für Tag in fast allen Abteilungen Tausende kleiner Haken an quasi allen möglichen Stellen plaziert. Es ist offensichtlich völlig egal, ob es sich bei der abgehakten Information um eine Bestellmenge, ein Preis, ein Rechnungsdatum, einer Nummer, dessen Bedeutung niemand kennt, oder die Schuhgröße des Ausstellers der Rechnung handelt. Was zählt ist nur eins: Wer die meisten Kontrollhaken macht, hat gewonnen.

Ursächlich hierfür ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die pathologisch ausgeprägte Kontrollmacke seiner Majestät König Autistiko II. verantwortlich, keine Frage. Aber warum manifestiert man seitens der Belegschaft jeden Tag erneut kollektive Handlungsunfähigkeit und unterstützt damit indirekt das Zwangsverhalten seiner Majestät König Autistiko II.?

Ich schreibe das mal der Gruppendynamik zu, die der einer Schar Lemminge durchaus recht ähnlich ist: Ohne Aufschauen und Nachfragen einfach der Masse folgen!

Aber ich schweife ab ... zurück zu den heiß geliebten Kontrollhäkchen: Ja, der Kontrollhaken ist die semiotische Inkarnation seiner Majestät König Autistiko II. und somit der Inhaber eines Schattenregimes in unserer Company. Ich möchte mich daher mal etwas ausführlicher dem Haken als Schriftsymbol widmen.

So ein Haken hat eine enorme semiotische Bedeutung in der Geschichte der Menschheit vorzuweisen. Man unterscheidet hinsichtlich der Wirkung von Haken grundsätzlich drei Typen:

  • Haken, über deren Aussagekraft sich der Erzeuger nicht im Klaren ist. Millionen von Menschen haben mit ihrem Kreuz auf dem Wahlschein eine Bundeselse erschaffen.


  • Haken, die Kraft ihrer Symbolik wirken. Die zum Kreuz angeordneten Haken haben bedauerlicherweise die Schicksale ganzer Generationen von Menschen besiegelt.


  • Haken, die einfach nur des guten Gefühls wegen gemacht werden und keinerlei Informationsgehalt haben. Man kann mit Haken jedem Dokument eine persönliche Note verleihen.



Abschließend bleibt nur zu hoffen, dass wir zukünftig beim Anbringen von Haken etwas mehr Zeit in die Taxierung der Wirkung eines Hakens investieren. Eine globale Diktatur des Kontrollhakens kann schneller zur Realität werden, als man denkt ;-)


Mehr aus der Serie "Organisatorische Geisterfahrt" kann man hier finden:
Teil 1: Tägliche Tätigkeitsnachweise
Teil 2: Kein Papier vorhanden
Teil 3: It's not my Job
Teil 4: Negatives Papiersparen
Teil 5: Das "Pontius-Pilatus"-Prinzip
Teil 6: Strategische Chaostheorien

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2 Kommentare:

Am/um Dienstag, Mai 30, 2006 1:08:00 nachm. , Blogger emily meinte...

gelesen und deshalb symbolisch abgehakt ;-)

 
Am/um Dienstag, Mai 30, 2006 7:27:00 nachm. , Anonymous Anonym meinte...

Naja ist es nciht immer so, dass ERP an den dummen User angepasst werden soll, damit man bloß ncihts verbessert sondern nur kompliziert verschlimmbessert?

Bloß nichts ändern... daher haben wir auch noch Kerzen als Beleuchtung im Büro, Rechenschieber, Feldtelefone und die Ware wird mit Bockkarren ausgeliefert...


Es lebe der Fortschritt!

Same shit every day!

 

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