Donnerstag, 16. August 2007

Organisatorische Geisterfahrt XIV

Heute widme ich mich einer wirklich beeindruckenden Managementtechnik. Nein, neu ist sie sicherlich nicht, aber sie ist so geheim, dass die unfreiwilligen Statisten diese gar nicht wahrnehmen. Ich habe, ehrlich gesagt, auch mehrere Jahre gebraucht, um die von seiner Majestät König Autistiko II. praktizierte Managementtechnik als diese zu erkennen.

Im Kern geht es darum, interne Abläufe im Unternehmen respektive Prozesse so lange zu modifizieren, bis sie keinen Sinn mehr ergeben. Auf dem Weg dahin gibt es einen netten Nebeneffekt: Die Mitarbeiter werden systematisch verunsichert, was dazu führt, das zum Schluss keiner mehr weiß, wie ein Prozess tatsächlich ablaufen soll. Das wiederum macht es seiner Majestät König Autistiko II. sehr viel leichter, sich an der Unzulänglichkeit einzelner Mitarbeiter aufzuziehen.

Ich will das jedoch mal an einem kleinen Beispiel verdeutlichen. Zunächst einmal die ursprünglichen Rahmenbedingungen:

Bevor der Vertrieb ein Ersatzteil an einen Kunden ausliefert, hat er zu prüfen, ob der Kunde alle bisherigen Rechnungen bezahlt hat bzw. keine offenen Rechnungen mit hohem Verzug vorhanden sind. Die Buchhaltung verschickt automatisch Mahnungen für jede fällige Rechnung, es sei denn, es liegt eine Reklamationsanzeige vor. Die Bereiche Sales/After Sales und Accounting sind strikt getrennt. Damit ist sichergestellt, dass der Vertrieb nicht mogelt ;-)

Nun kommt seine Majestät König Autistiko II. mit folgenden Ideen:

a) Der Vertrieb hat sich strikt an die Prüfung nach überfälligen Rechnungen vor Auslieferung zu halten. Wenn es nennenswerte Rückstände gibt, erfolgt die Auslieferung nur gegen Nachnahme oder Vorkasse.

Problem: Definieren Sie "nennenswert".


b) Der Vertrieb darf aber nicht so streng zum Kunden sein. Wenn da mal ein paar Rechnungen schon ein paar Mal gemahnt wurden, dann ist das nicht so schlimm.

Problem: Definieren Sie "ein paar Rechnungen" und "schlimm".


c) Die Buchhaltung darf den Automatismus der Mahnungen nicht durchbrechen. Die Zahlung muss möglichst schnell eingehen.

Problem: Vertrieb lungert pausenlos in Buchhaltung rum und beeinflusst leichtgläubige Damen.


d) Die Buchhaltung darf aber nicht so streng zum Kunden sein. Einem guten Kunden schickt man nicht gleich nach Fälligkeit und schon gar nicht eine Letzte Mahnung mit Androhung des Inkassobüros.

Problem: Definieren Sie "guter Kunde" und erläutern Sie, wie so "Zahlung muss möglichst schnell eingehen" funktionieren soll.


Im Ergebnis kommen wir dann zu folgenden Arbeitsanweisungen:

Wenn Kunde nicht zahlt, wird Mitarbeiter im Vertrieb verwackelt, weil er sich nicht an Regel a) gehalten hat. Parallel dazu wird Mitarbeiter aus Buchhaltung verwarnt, weil er Regel d) missachtet hat.

oder

Wenn Kunde nicht bezahlt, dann wird Mitarbeiter aus Buchhaltung geköpft, weil er Regel c) missachtet hat. Parallel dazu wird Mitarbeiter aus Vertrieb geteert, weil er Regel a) nicht beachtet hat.

und in jedem Fall

Wenn Kunde nicht bestellt, wird Mitarbeiter aus Vertrieb gepfählt, weil er Regel b) ignoriert hat und Mitarbeiter aus Buchhaltung ausgepeitscht, weil er Regel d) missachtet hat.


So, nachdem das von seiner Majestät König Autistiko II. alles mal ordentlich durchorganisiert wurde, hat keiner eine Ahnung, wie er sich verhalten soll. Organisatorisch ist also das blanke Chaos ausgebrochen. Die Mitarbeiter laufen verängstigt wie eine Schar Lemminge durch das Büro und versuchen sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln vor der Arbeit zu drücken.

In meiner Abteilung sieht das dann so aus: Während der Zeit, in der die verbliebenen Leistungsträger im Urlaub sind, ist bei mir ganztägig Kinderbespaßung angesagt. Da sitzen erwachsene Leute mit langjähriger Berufserfahrung den ganzen Tag am Schreibtisch und sind nicht fähig, Routinejobs fehlerfrei zu erledigen - man weiß ja nicht genau, wie man es machen soll. Ich habe zwar gesagt "so", aber seine Majestät König Autistiko II. hat hinter meinem Rücken zwischenzeitlich jedem Mitarbeiter eine neue Anweisung erteilt - und zwar jedem Mitarbeiter eine anders lautende!

Wenn ich über den Mist nachdenke, dann frage ich mich ernsthaft, ob der Kackvogel auch nur ansatzweise eine Vorstellung davon hat, was für einen Scheiß er da fabriziert. Aber egal, es geht um nichts, rein gar nichts! - Hauptsache seine Majestät König Autistiko II. hat sich ordentlich auf seinem Voluntary Playground ausgetobt.

BTW: Das erinnert mich an einen interessanten Artikel, den ich in der Augustausgabe des Wirtschaftsmagazins Brand Eins gelesen habe. Unter dem Titel "Aus Erfahrung gut - Wie ruiniert man ein Unternehmen?" wird sehr prägnant in Kapitel 3 der Kern des Problems beschrieben.

Der Führungsstil mancher Unternehmen in Deutschland erinnere an das Herrschaftsregime alter Königshäuser. Er wird geprägt von einem Egomanen an der Spitze, der den Bezug zur Realität verliert und sich angewöhnt, die Überbringer schlechter Nachrichten zu köpfen und nur noch Mitarbeiter mit guten Nachrichten vorzulassen.

Ich glaube der Autor sollte mal einen Monat im Unternehmen seiner Majestät König Autistiko II. Mäuschen spielen oder einfach diesen/dieses Blog lesen ;-)

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2 Kommentare:

Am/um Mittwoch, August 22, 2007 2:24:00 nachm. , Anonymous Anonym meinte...

Kann es ein, dass seine Majestät Autistiko II schon mehrmals geklont wurde und diese Klone in anderen Unternehmen identisches Unwesen treiben???? z.B. ich denk jetzt mal an das Unternehmen, in dem ich die Ehre habe, meine Arbeitskraft einzubringen ... kann doch sein, oder????

 
Am/um Donnerstag, Oktober 11, 2007 2:33:00 nachm. , Anonymous Anonym meinte...

Herzlichen Glückwunsch zu diesem Blog. Ich könnte mich weg schmeißen vor lachen. Traurig ist nur, dass dort offenbar etwas Wahrheit hinter verborgen ist und ich parallelen zu uns erkennen kann.
Hast Du schon mal nachgedacht, ein Buch zu schreiben…..?

 

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