Donnerstag, 14. Dezember 2006

Prinzip Hoffnung

oder: Weihnachtsfeiern als Hort des Grauens

Nachdem mich eine Reihe von Kollegen gebeten haben auf der Weihnachtsfeier zu erscheinen, habe ich mit einer langjährigen Tradition des Boykotts gebrochen und habe an der Weihnachtsfeier der Company teilgenommen.

Aus den Erzählungen der Kollegen war mir in etwa klar, was mich erwartet. Unter dem Strich wurden meine Erwartungen dann aber doch bei weitem übertroffen - und zwar in jeder Hinsicht.

Schon das Kommen bereitete einigen anderen Kollegen Kopfschmerzen, die jedoch vor dem offiziellen Beginn der Beweihräucherung mit einem Sixpack Bohnekamp neutralisiert wurden. Dementsprechend positiv gestimmt war die Atmosphäre bei Betreten des Restaurants.

Gegen 2030, etwa eineinhalb Stunden nach Beginn, gab es eine Vorspeise. So richtig glücklich war jedoch niemand damit: Auf den Radkappengroßen Tellern befanden sich lediglich vier penibel abgezählte Tortellini - da hätte selbst in Deutschland die Food and Agriculture Organization (FAO) den mahnenden Zeigefinger erhoben.

Nach einer obligatorischen Wartezeit von einer Dreiviertelstunde wurde dann der nächste Gang serviert. Die Enttäuschung in den Gesichtern der Gäste hat offensichtlich auf die Trändrüsen des Kochs gedrückt - diesmal gab es ein sattes Dutzend Rigate mit Tomatensoße und Parmesankäse.

Nachdem die Meute gerade so vor dem Hungertod gerettet wurde, folgte nahtlos der dritte Akt. Seine Majestät König Autistiko II. hielt eine seiner gefürchteten Ermüdungsreden. Mir ist aufgefallen, dass jeder Satz seiner Majestät König Autistiko II. quantitativ genau doppelt so viele Wörter enthielt, als er tatsächlich verwendete. Das dürfte die Kausalität sein, weshalb gleich zu Beginn der Alkoholkonsum drastisch in die Höhe schoss. Die Kellner kamen mit dem Auffüllen der Weinflaschen am Tisch kaum noch hinterher. Die verdrehten Augen der Kollegen rührten jedoch in erster Linie vom Unverständnis über die Zähigkeit des Alkoholnachschubs als vom Filibustern seiner Majestät König Autistiko II.

Stunden! später - die Hälfte meiner Tischnachbarn hatte schon glasige Augen - ging es zu einem Break vor die Tür. Man fühlte sich irgendwie an US-amerikanische Flughäfen erinnert: Eine riesige Traube Menschen rund um einen großen Aschenbecher. Gesprächsthema No. 1 war die Sitzordnung. Sie reflektierte direkt die persönlichen Befindlichkeiten seiner Majestät König Autistiko II., indem er die Hackordnung klar applizierte. Auf dem Podest in der Mitte des Restaurants thronte seine Majestät König Autistiko II. gemeinsam mit einigen Mitarbeitern, die noch nicht in Ungnade gefallen sind. Das wiederum liegt wohl in erster Linie daran, dass sie die Probezeit noch nicht bestanden haben. Der auf hohem Niveau befindliche Alkoholpegel dürfte ursächlich dafür verantwortlich gewesen sein, dass einige Kolleginnen die architektonische Außendekoration des Restaurants langsam demontierten. Manche Frauen werden besoffen irgendwie unausstehlich ;-)

So insgesamt betrachtet zog sich die Veranstaltung dann bis Mitternacht hin. Satt wurde, wie gesagt, eigentlich niemand. Ein Edel-Italiener ist definitiv ein Restaurant, bei dem man Essen gehen kann, wenn man zuvor etwas gegessen hat.

Richtig locker ging es an den einzelnen Tischen nicht zu. Böse Zungen behaupten es lag an der vorgeschriebenen Sitzordnung. Also ich fand es toll, mitten im intellektuellen Tschernobyl zu sitzen. Meine Tischnachbarn hatten ihre Polonium-Stäbe stets dabei, um das Strahlungsniveau aufrecht zu erhalten.

Für steht in jedem Fall fest: Sollte ich nächstes Jahr immer noch in der Hölle schmoren, dann werde ich garantiert nicht noch einmal an dem Weihnachtstheater teilnehmen - Fasten kann ich auch allein ;-)

PS: Hatte letzte Woche ein Interview für einen neuen Job. Es lief eigentlich ganz gut. Man will sich bei mir bis Ende diesen Monats melden :-)

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5 Kommentare:

Am/um Donnerstag, Dezember 14, 2006 9:28:00 vorm. , Anonymous Kiwi meinte...

> Hatte letzte Woche ein Interview für einen neuen Job. Es lief eigentlich ganz gut. Man will sich bei mir bis Ende diesen Monats melden

Juchu. Hoffentlich wird was draus.

 
Am/um Donnerstag, Dezember 14, 2006 11:43:00 vorm. , Anonymous Steeefan meinte...

Aber was wird dann aus den tollen Geschichten hier?

 
Am/um Donnerstag, Dezember 14, 2006 12:39:00 nachm. , Anonymous Serienselbstmoerder meinte...

Es ist schade, um die Fast-Live-Berichterstattung, aber der Mensch hat genug gelitten und sich das Fegefeuer verdient :-) Wir [die halbe Abteilung...] drücken natürlich trotzdem die Daumen!

 
Am/um Freitag, Dezember 15, 2006 12:41:00 vorm. , Anonymous Crudelis meinte...

Hey,

aber nicht das dieses Blog das gleiche Schicksal ereilt wie das Blog vom Frischling (von dem man ja leider nichts mehr liest).

Wünsch dir alles gute...

 
Am/um Samstag, Dezember 16, 2006 1:29:00 nachm. , Blogger Pathologe meinte...

Die Kellner mussten die Weinflaschen befüllen? Das stimmt mich bei einem Edel-Italiener schon bedenklich. Oder hat sMKA II etwa eine Eigenmischung, da günstiger in der Abrechnung, mitgebracht?

Jedenfalls hatten Sie länger Spaß als wir auf unserer Feier. Bericht bei mir.

 

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